Nachdem ich mich schon lange mit Heilpilzen beschäftige ist es nun auch mal an der Zeit etwas zum Wesen des Fliegenpilzes und meinem persönlichen Zugang zu ihm zu schreiben. Animiert hat mich die Tatsache, dass wir uns in einer Zeit großer Veränderungen (Umbruch, Paradigmenwechsel) befinden und der Fliegenpilz ein großes Potenzial in sich birgt, diesen Prozess auch auf seelischer Ebene zu begleiten. Gleich vorweg: Ich will hier niemanden zur Einnahme animieren oder meine Sichtweise als die einzig richtige reklamieren, sondern nur über meine Gedanken zu und Erfahrungen mit ihm berichten. Meine Aufmerksamkeit gilt seinem Wesen und Wirken, auf stofflicher wie auch auf seelischer und geistiger Ebene. Wie immer gilt: Glaubt mir nichts, prüft alles – und behaltet das Gute!

Kaum ein Pilz ist so bekannt und so tief im kollektiven Gedächtnis verwurzelt wie der Fliegenpilz. Auch in meinem, weshalb ich mich jedes Jahr im Herbst an seinem Anblick erfreue – und ihn seit geraumer Zeit auch sammle.
Rot und weiß, schön und gefährlich, verheißungsvoll und warnend zugleich – das hat mich schon als Kind an ihm fasziniert. Meine erste tiefgreifende Erfahrung mit ihm hatte ich mit 38 Jahren, als ich einige Exemplare zum Trocknen in der Wohnung aufgelegt hatte. Ich hatte den Fleigenpilz eigentlich ohne konkretes Ziel gesammelt und wollte mir im Nachhinein dann gemütlich überlegen, ob und wie ich da rangehen kann. Sein Geruch verbreitete sich beim Trocknen in der ganzen Wohnung, und plötzlich, ohne ihn (stofflich) probiert zu haben, wurde ich (und das war das Verrückte) – nur durch seine Anwesenheit – in sein Reich, oder anders ausgedrückt in einen anderen Bewusstseins-Zustand, gezogen. Aber die Erfahrung damals war nicht sehr angenehm. Ich fühlte in mir eine anteilsmäßige Spaltung in Stoff und Geist. Einerseits war da eine erdbezogene Enge und Dumpfheit, die mich fast bis zur Bewusstlosigkeit niederzog (und ohnmächtig klein machte) – andererseits nahm ich jenen Anteil an Geist darüber als klar und weit war. Diese Spaltung fand ich allerdings nicht sehr erstrebenswert und ich hatte danach für lange Zeit nicht mehr das Bedürfnis ihm (zu) nahe zu kommen.

Mittlerweile ist einige Zeit vergangen, und es hat sich viel getan. Auch was mein Bewusstsein und meine Beziehung zum Fliegenpilz anbelangt. Heute weiß ich, dass man ihm besser mit Respekt, Offenheit und Feingefühl begegnet. Denn wie man in den Wald ruft, so hallt es eben zurück. Vor allem im Umgang mit dem Fliegenpilz sollte man sich dessen gewahr sein. Als ich begann ihn näher zu betrachten, und damit meine ich nicht den Abstand in Zentimetern gemessen, wurde mir bewusst: Er ist ein ganz außergewöhnliches Wesen im Reich der Pilze, der aufgrund seiner besonderen Erscheinung offensichtlich erkannt werden möchte, um uns mit den Gaben seines Wesens in unserer Erkenntnis- und Wandlungsfähigkeit zu bereichern. Aus gutem Grund ist er daher auch ein Glückssymbol, dass man zum Übergang vom alten in das neue Jahr verschenkt.

Zur Signatur des Fliegenpilzes

Schon seine Erscheinung ist auffällig: Rot (Mars) mit weißen Punkten (Mond). Ein deutlicher Kontrast also, der hier zum Ausdruck kommt. Wie Blut und Licht, Erde und Himmel, Krieg und Frieden, Gefahr und Reinheit. Mit seinem leuchtend roten Hut, der das Dunkel des Waldes aufbricht, ist der Fliegenpilz auf den ersten Blick eindeutig marsischer Natur. „Hier bin ich, hier beginnt Bewegung!“ Diese Farbe signalisiert Energie, Hitze, Reizbarkeit – und tatsächlich wirkt auch sein Stoffbild (Ibotensäure → Erregung, Muscimol → Dämpfung) wie eine kleine Mars-Parabel: erst das Feuer, dann das Abklingen. Doch der Fliegenpilz wächst nicht auf sonnenoffenen Feldern, sondern im Schattenreich des Waldes, unter Fichten und Birken, im feuchten Moos, auf sauren Böden – also im Einflussbereich von Mond und Saturn. Er trägt also den Mars in die Tiefe, in das Stoffliche, in den Schatten – allerdings verbunden mit der Kraft der Selbstreflexion (Mond). Daraus entsteht das Bild einer gebändigten Kraft, eines Feuers, das nach innen brennt (die russische Volksmedizin beschreibt ihn deshalb oft mit Worten wie „stark“, „ziehend“, „lösend“, aber auch „prüfend“, das ist die Sprache des Mars im Mond- / Saturnreich.

Noch eine bis heute selten beachtete Eigenschaft des Fliegenpilzes, die meines Erachtens wichtig bei der Betrachtung seiner Signatur ist: Der Fliegenpilz akkumuliert aktiv Vanadium!

Fliegenpilze gehören zu den wenigen bekannten Organismen, die Vanadium aktiv akkumulieren. Das Element liegt in ihnen nicht als freies Metall, sondern in einem hochorganisierten Komplex namens Amavadin, einem seltenen Vanadium-Chelat mit ungewöhnlicher Stabilität und Bioverfügbarkeit. Vanadium selbst ist ein Übergangsmetall, das zwischen verschiedenen Oxidationsstufen wechseln kann und weist auf seine Fähigkeit hin zwischen Zuständen oszillieren zu können. Es wechselt spielend zwischen den Oxidationsstufen +2, +3, +4, +5. Dadurch kann es Elektronen aufnehmen oder abgeben, also Energie „übersetzen“. In der Alchemie wäre das eine merkurische Eigenschaft – Vermittlung zwischen den Polen, Bewegung, Wandel. Vanadium ist das Metall der Verwandlung, ein Bote zwischen Oxidation und Reduktion, zwischen Feuer und Ruhe, zwischen Leben und Form. Dass der Fliegenpilz gerade dieses Element (in großer Menge!) sammelt, passt perfekt zu seiner (magischen) Rolle als Mittler zwischen Bewusstseinszuständen, als Wesen, das Gegensätze vereint: Gift und Heilung, Wachen und Traum, Leben und Tod.

Dadurch, dass er zu den Giftpilzen zählt fordert er einen gewissen Respekt im Umgang mit ihm ein und mahnt zur Vorsicht. Er wächst bevorzugt unter Birken und Fichten – beides sind „Grenzbäume“: die Birke als Baum der Jugend (Pionierbaum), der Reinigung und der seelischen Durchlässigkeit (Merkur/Mond); die Fichte als Bewahrerin der Lebenskraft im Winter (Saturn). Der Fliegenpilz erscheint so gesehen dort, wo Licht und Schatten sich begegnen.
Ein guter Freund von mir meinte einmal, als wir im Wald gemeinsam über den Fliegenpilz sinnierten: “Er will gesehen werden.” Ist er gar eitel? Kein anderer Pilz stellt sich so offen ins Licht, fast theatralisch, als wolle er sagen: „Ich bin da – sieh mich!“

In der Signaturenlehre gilt: „Was sich offenbart, trägt in sich die Kraft der Offenbarung.“

Das heißt: Sein Leuchten ist kein Zufall. Er zieht den Blick an, weil er auf das Innere Licht verweist – das, was im Menschen selbst gesehen werden will.

„Schau genau hin – aber auch in dir. (reflektiere!)“

„Gesehen werden“ – das Bewusstsein als Spiegel

Wenn man ihn fragt, ob er „gesehen werden möchte“, so wäre seine Antwort wohl: „Ja – aber nicht nur mit den Augen.“ Er zieht den Blick auf sich, doch nicht, um bewundert zu werden, wie ich erst später erkannte. Was er wirklich möchte, ist erkannt werden – als Spiegel innerer Vorgänge. Er zeigt das Übersehene, das, was im Schatten liegt, und prüft, wie klar unser Blick wirklich ist. Darum: Ja, der Fliegenpilz will gesehen werden – aber mit dem eigentliches Sehen nach innen. Weil es um das Erkennen des inneren Lichts im eigenen Schatten geht.

Unter seiner sichtbaren Gestalt (Fruchtkörper) verbirgt sich ein stilles, unsichtbares Wirken im Untergrund (der eigentliche Pilz ist das Myzel unter der Erde): Der Fliegenpilz lebt in Symbiose mit den Wurzeln von Birken, Fichten und anderen Bäumen. Er löst Mineralstoffe aus dem Erdreich, macht sie pflanzenverfügbar (Entsprechung: Auflösung energetische Blöcke, Blockaden im Unterbewusstsein), und erhält dafür vom Baum mittels Photosynthese hergestellten Zucker – gespeicherte Sonnenenergie (Durchlichtung).

In dieser Geste des Gebens und Nehmens, des Lösens und Bindens, offenbart sich seine tiefere Signatur:
Er lehrt Austausch, Durchlässigkeit und Vertrauen in den Kreislauf des Lebens. Er zeigt, dass wahre Nahrung nicht aus Besitz entsteht, sondern aus Beziehung. So verbindet sich das Dunkel der Erde mit dem Licht des Blattes – und erinnert uns, dass auch wir nur im Austausch mit der Welt wirklich lebendig sind. Betrachtet man seine Wirkungsebene, findet diese ihre Entsprechung im Nervensystem – jenes feine Netz von Wahrnehmung, Reiz und Reaktion. Er öffnet den Raum zwischen Reiz und Antwort, zwischen Spannung und Entspannung – den Raum, in dem Bewusstsein entsteht.

In der Mythologie und Märchen erscheint er immer dort, wo Grenzen sich auflösen: zwischen Wachen und Träumen, Diesseits und Jenseits, Angst und Erkenntnis. Er prüft nicht durch Worte, sondern durch Erfahrung. Wer ihm mit Ehrfurcht begegnet, erfährt Klarheit und Neubeginn; wer ihn leichtfertig sucht, begegnet Spiegelbildern des eigenen Schattens. Anfangs hatte ich beim Fliegenpilz das Gefühl, er „zieht mich in seine Welt“ – doch im Nachhinein betrachtet hat er mich nur tiefer in meine eigene Welt geführt. Er hat jene inneren Räume eröffnet, die mir im Alltag bisher verschlossen waren, und hat diese für mich im Traum begehbar gemacht. In der Vision, im intuitiven Erkennen.

Meine Erfahrung mit dem Fliegenpilz (und nicht nur meine, auch die von meinem Freund Bruno) ist, dass das Traumgeschehen und die Erinnerung daran sich durch ihn stark intensiviert, sowie Träume (bzw. Handlungen im Traum) bewusst gelenkt werden können. Diese Träume erlebe ich in gewisser Weise als eine Art des Navigierens durch das Unterbewusste, wo Bilder und Gefühle auftauchen, die bisher im Verborgenen wirkten und betrachtet/beachtet/verstanden werden wollen. Er wirkt dort, wo sich Körper, Seele und Geist begegnen – nicht als Rausch, sondern als Resonanz. Und in dieser Resonanz kann Heilung geschehen: nicht durch Hinzufügen, sondern durch Loslassen.

Alice im Wunderland

Was hier im Gewand eines Kindermärchens erscheint, ist in Wahrheit ein Symbol für seelische Wandlung:
den alchemischen Prozess, in dem das Ich seine festen Formen verliert, um sich in ein neues Bewusstsein zu verwandeln. Wer erinnert sich an den Fliegenpilz, auf dem die Raupe (Transformation, Wandlung) sitzt?

„Iss von der einen Seite, du wirst größer; von der anderen, du wirst kleiner.“

Diese Worte klingen wie eine geheime Formel des Bewusstseins: Sie öffnen den Raum, in dem Realität sich dehnt und zusammenzieht, wo das Innere zum Äußeren wird und das Äußere zur Spiegelung des Inneren. Im Wunderland ist alles in Bewegung. Größe, Zeit, Logik – nichts bleibt, wie es war. Das Ich, das sich als fest erlebt hat, löst sich auf im Tanz der Gegensätze. Dies ist das alchemische Solve: die Auflösung des Alten, des Konditionierten, damit ein tieferes Erkennen entstehen kann. So wirkt auch die seelische Energie des Fliegenpilzes: Er rüttelt an der Ordnung, die wir für selbstverständlich halten, damit das Leben wieder fließen kann. Er zieht den Blick dorthin, wo das Bewusstsein zu starr geworden ist – und zeigt, dass jede Krise in Wahrheit ein Tor zur Erweiterung ist.

Alice ist das Bild der kindlichen Seele – neugierig, furchtlos, voller Staunen. Doch sie begegnet Kräften, die größer sind als ihre gewohnte Welt. Sie verliert sich, um sich selbst zu finden. Der Pilz, der sie wachsen und schrumpfen lässt, spiegelt diese innere Dynamik: die Erfahrung, dass Identifikation nicht fest ist, sondern lösbar.

Wie in der Alchemie die Mortificatio das Sterben des Alten beschreibt, so erfährt auch Alice eine kleine Initiation – ein „Sterben der Gewissheit“, das zur Wiedergeburt einer größeren Wahrnehmung führt. Der Pilz ist dabei ihr Lehrer, nicht durch Worte, sondern durch Erfahrung. Er verändert nicht die Welt, sondern die Linse, durch die wir sie sehen.
Er erschüttert die Kategorien von groß und klein, oben und unten, damit sich das Auge des Herzens öffnen kann.

Das ist die wahre Magie des Wunderlands: Nicht das Chaos, sondern die Offenbarung, dass Bewusstsein erst im Loslassen seiner Grenzen frei wird. In der Begegnung mit dem Pilz erkennt Alice, dass alles, was sich verändert, nur das Gewand des Unveränderlichen ist.

So ist das Wunderland kein fremder Ort. Es ist die Landschaft der Seele selbst, und der Fliegenpilz ihr rotes Siegel im Waldboden des Unbewussten. Er ruft uns auf, die Maßstäbe zu verlieren, um die Wahrheit zu finden, die jenseits aller Maßstäbe liegt. Er ist das Tor, durch das das Staunen wiederkehrt – und mit ihm die Erkenntnis, dass das eigentliche Wunderland immer in uns beginnt.

Das Paradoxon von Gift und Heilung

Paracelsus hätte ihn ein Arcanum duplex genannt – ein zweischneidiges Mysterium. In zu hoher Dosis: zerstörerisch, verwirrend, zersetzend. In rechter Haltung: klärend, lösend, neu ordnend. Diese doppelte Natur ist typisch für Schwellenwesen – sie prüfen den, der ihnen begegnet. Der Fliegenpilz ist kein linearer Heiler, sondern ein Katalysator zur Wandlung. Er wirkt, indem er das Verborgene sichtbar macht, das Unbewusste ins Licht zieht. Er konfrontiert, um zu klären. Wie heißt es so schön: Das Gift wird zur Medizin, wenn das Bewusstsein es durchdringt.

Sammeln

So wie die charakterlichen Eigenschaften der Menschen in der Regel von Orten an denen sie leben geprägt werden, so ist dies auch bei den Pilzen der Fall. Geschwister sind zwar meist wesensverwandt, aber wenn zB. von zwei Brüdern der eine in der Stadt und der andere abgeschieden am Land lebt, dann hat das naturgemäß einen gewissen Einfluss auf das Lebensgefühl, die Vorlieben, die entwickelten Fähigkeiten und die Wesensart.

Wie bei jedem Heilpilz achte ich deshalb zweckbezogen darauf wo ich ihn sammle. In den höheren Lagen, wo der Boden mager, die Luft kühl und das Licht scharf ist, bildet der Fliegenpilz kompaktere, intensiver gefärbte Fruchtkörper. Seine Energie ist hier klar, konzentriert, fast kristallin – wie das Denken in der Höhe, das zur Essenz drängt. Darin spüre ich etwas Strenges, Präzises, Erkenntnisbetontes. Klarheit und Distanz – Pilze an solchen Orten spiegeln mehr das Licht des Geistes, nicht das der Emotion.

In feuchten, nährstoffreichen Niederungen wächst der Fliegenpilz groß, weich und schwer – fast üppig. Seine Farbe wirkt satter, manchmal ins Orange gehend. Hier spüre ich seine Energie erdverbundener, körperlicher, durchdringender. Er wirkt dort wie ein Sammler und Träger der Erdkräfte – nicht so licht, dafür wärmer, sinnlicher, dichter. In der Signatur zeigt sich hier der Mond-Aspekt des Pilzes: das Aufnehmende, das Speichern, das Tragen des Unbewussten. Er lehrt das Eintauchen, das Fühlen, das Erdverbundene.

Am Übergang zwischen Wald und Wiese, wo Sonne und Schatten ineinanderfließen, zeigt mir der Fliegenpilz seine ausgeglichenste Gestalt. Hier verbindet er Licht und Dunkel, Wärme und Feuchtigkeit, Innen und Außen. Seine Ausstrahlung ist lebendig, offen, kommunikativ – ein Mittler zwischen den Welten, so wie er neben den Bäumen oft auf einer Wiese steht. Diese Exemplare tragen die Signatur des Ausgleichs: nicht zu klar, nicht zu dicht, sondern harmonisch und rund. Sie spiegeln die Mitte – den Raum, in dem Gegensätze sich berühren dürfen.

Unter alten Fichten, im dunklen Moos, wächst eine besondere Sorte von Fliegenpilz, fast geheimnisvoll. Hier herrscht die Signatur des Rückzugs und der Sammlung. Diese Orte sind kühl, still, feucht – der Pilz wächst langsam und trägt das Wesen der Tiefe in sich. Solche Exemplare wirken auf mich „innen stärker als außen“ – sie tragen jene Schwere, die zur Wandlung zwingt. Ihre Energie spüre ich eher introspektiv, prüfend, lehrend.

Praktischer Tipp: Da die Wirkstoffkonzentration von Exemplar zu Exemplar stark variiert, empfiehlt es sich, für eine gleichbleibende Zusammensetzung stets eine größere Anzahl an Fruchtkörpern zu erfassen und gemeinsam zu verarbeiten.

Verarbeitung

Nach dem Sammeln stellt sich meist die Frage: Frisch verarbeiten oder zuerst trocknen? Wie immer hängt die Verarbeitung vom beabsichtigten Ergebnis und dem Anwendungszweck ab. Ich beginne von daher mal mit der TINKTUR.

Die Kunst besteht darin, den Geist im Salz zu bewahren, damit das Werk nicht nur Form, sondern auch Licht trägt. Ein zu rasches Austrocknen vertreibt seine „atmende Signatur“; ein zu feuchter Zustand hält das Werk unrein. Der Mittelweg ist eine sanfte Verdichtung, die das Innere zur Ruhe bringt, ohne es zu töten. Die Chemie nennt es „Decarboxylierung“, die Alchemie „Reifung durch inneres Feuer“. Beide meinen denselben Vorgang: Das Chaos wird Form, doch der Geist bleibt gegenwärtig. Eine Vor-Trocknung – besonders bei moderater Wärme – führt zu einem höheren Anteil Muscimol, also zu einem „reiferen“ chemischen Zustand des Rohmaterials. Damit entsteht eine Ausgangssubstanz, die chemisch ruhiger und stabiler ist, weil das instabile Ibotensäure-System bereits teilweise in Muscimol umgewandelt wurde. Von daher zerkleinere ich ihn (bevorzugt mit einem Keramikmesser) und trockne diese bei ca. 40 C unter ständiger Luftzufuhr ein paar Stunden im Dörrautomaten. Danach lagere ich ihn noch kurz bei trockener Luft, bis die innere Feuchte ausgeglichen ist. Leicht vorgetrocknet könnte ich ihn jetzt in Ethanol (40 % ) ansetzen, was ich manchmal auch mache.

Aber eine spannendere Variante ist ein auf die Vor-Trocknung folgender Wasser-Auszug (auch chemisch gesehen: Ethanol und Wasser lösen unterschiedliche Fraktionen. Ethanol: weniger polar → Harze, Pigmente, flüchtige Stoffe. Wasser: polar → Ibotensäure, Muscimol, Aminosäuren und Polysaccharide). Daraus ergibt sich die nächste Frage: Mit kaltem oder warmen Wasser? In der Spagyrik gilt: „Ein kaltes Wasser hält das Bild, ein warmes Wasser malt es neu.“ In diesem Prozess mache ich den Auszug mit warmen Wasser, ca. 50 – 60, C° (was chemisch gesehen auch zu einer zusätzlichen Decarboxylierung beiträgt.

Kalter Auszug → Bewahren (das Wasser bleibt Mondhaft, empfangend. Es nimmt auf, ohne zu verändern)
Warmer Auszug → Wandeln (das Feuer tritt hinzu, ordnet, verwandelt in das was werden will)

Der Alkohol schließt den Vorgang: Er bindet, konserviert, schützt vor Zersetzung – das Coagula.
In ihm ruht das, was das Wasser geöffnet hat. Alkohol ist alchemisch das Feuer des Geistes, das bewahrt, was das Wasser gelöst hat (solve). Daher stabilisiere ich den Warmwasserauszug anschließend mit Ethanol (alchem. fixiere ihn, coagula) und bringe die Tinktur auf einen Alkoholgehalt von 40 – 50 %, um eine langzeitstabile Lösung zu erhalten, die ich auch bei Zimmertemperatur gelagert lange haltbar ist.

Ganz anders gehe ich vor, wenn ich eine Urtinktur erhalten möchte. In dem Fall setze ich die frischen Fliegenpilze direkt mit 50 % Alkohol im Verhältnis 1:10 (nach Roger Kalbermatten) an. Die 50 % Alkohol dienen also nicht primär der Extraktion einzelner Wirkstoffe, sondern der Erhaltung des gesamten Stoffbildes in dynamischer Balance, was zusätzlich auch eine bessere Ausgangslage für eine eventuelle Potenzierung bei der Herstellung eines homöopathischen Mittels schafft (obwohl sich hier auch der Weg der Verreibung in Milchzucker anbietet, weil schon die Durchführung an sich viele Erkenntnisse mit sich bringt). Um eine spagyrische Urtinktur herzustellen trockne ich den Rückstand, verasche diesen bei ca. 450 – 600 C°, reinige die Salze (abdampfen und mit dest. Wasser wiederholt reinigen bis nur mehr die weißen Salze übrig sind) und mische diese abschließend zur Tinktur hinzu.

Mein bevorzugter Prozess der Verarbeitung ist aber die Herstellung eines Fliegenpilzsirups mittels Fermentierung!

Fliegenpilzsirup

Ausgangsstoffe und mikrobielle Flora

Der Pilz enthält von Natur aus: Zucker (Glukose, Mannit, Trehalose), Aminosäuren, organische Säuren (vor allem Ibotensäure), Phenole und Polysaccharide, sowie eine natürliche Mikroflora (Hefen, Milchsäurebakterien, Essigsäurebakterien), die von der Umgebungsluft oder der Oberfläche stammt. Wird Zucker und Wasser zugegeben, entsteht ein ideales Substrat für Gärung: Hefen nutzen den Zucker → Alkoholische Gärung
Bakterien wandeln später Alkohol und Zucker in Säuren um → Essig- und Milchsäuregärung

Um einen Fliegenpilzsirup herzustellen schneide ich die Pilze in ca. 1 cm große Würfel und fülle diese in mein Gärglas mit großer Halsöffnung (ich benutze ein solches mit Ventil + Wasserrand oben – das wird manchmal als nicht geeignet beschrieben, aber ich mache das schon jahrelang so und kann nur sagen dass das bestens funktioniert) bis es zu ca. 3/4 gefüllt ist.

Dann fülle ich es mit Zucker und schüttle die Mischung gut durch. Nach ca. 1 Stunde hat der Zucker den Pilzen die Flüssigkeit entzogen und das Gesamtvolumen ist erheblich geschrumpft. Jetzt gebe ich noch etwas Wasser dazu, so dass ungefähr noch ein paar Zentimeter zum oberern Rand freibleiben. Die geschrumpften Pilzsstücke schwimmen oben auf. Um Schimmelbildung zu verhindern streue ich noch etwas Zucker oben drauf und verschließe das Gärglas.

Die Mischung lasse ich bei Zimmertemperatur stehen und lasse sie ein Jahr lang so stehen (nur ab und zu ergänze ich das verdunstete Wasser am Ventilrand, manchmal mit ein wenig Alkohol beigemischt). Ca. 3 Monate lang steigen kleine Bläschen nach oben (Alkohol-Gärung), danach scheint es so als ob sich nichts mehr tut (manche betrachten ihn dann schon als fertig und entnehmen ihn dann und filtrieren ihn ab), aber die Fermentation geht weiter (Essig und Milchsäurebakterien!

Nach ca einem Jahr ist mein Sirup fertig. Die restlichen Pilzstückchen seihe ich ab und fülle den Sirup um. Die Konsistenz ist honigartig und riecht angenehm. Sollte er unangenehm riechen oder wenn sich Schimmel gebildet hat werfe ich ihn weg (ist mir erst einmal passiert). 

Hier eine Beschreibung, was bei dieser Art der Fermentation über ein Jahr hindurch passiert:

Erste Phase – alkoholische Gärung (0–3 Monate)

In den ersten Wochen entstehen die Bläschen, die ständig zu sehen sind, es blubbert am Ventilrand dahin: Das ist CO₂ aus der Hefegärung. Glukose → Ethanol + Kohlendioxid
Der Alkoholgehalt bleibt relativ niedrig (oft 1–4 %), aber die Hefen verdrängen Sauerstoff und schaffen damit ein weitgehend anaerobes Milieu. Das ist eine natürliche Stabilisierung – die alkoholische Phase schützt vor Schimmel und Fäulnis. Geruch in dieser Phase: leicht süßlich, fruchtig, „weinartig“.

Zweite Phase – Milchsäure- und Essigsäuregärung (3–12 Monate)

Wenn der Alkohol teilweise abgebaut ist und wieder Sauerstoff dazukommt (z. B. durch Temperaturwechsel oder Öffnen des Ventils), übernehmen andere Mikroorganismen wie zB. Milchsäurebakterien (Lactobacillus, Leuconostoc) diese wandeln Zucker, teilweise auch Aminosäuren in Milchsäure um → mild säuerlich, weich, fast „rund“. → Das erklärt, warum der Sirup später mild säuerlich schmeckt. Und Essigsäurebakterien (Acetobacter): oxidieren Alkohol zu Essigsäure, wenn Sauerstoff an die Oberfläche gelangt. → typischer Essiggeruch am Wasserrand des Ventils. Hier entsteht ein Mischferment, ähnlich wie bei Sauerhonig, Kombucha oder Met, nur dass das Basissubstrat hier Pilzgewebe ist. Geruch in dieser Phase: leicht säuerlich, manchmal esterartig (Apfel, Essig, Brot).

Einfluss der Temperatur

Temperaturschwankungen über das Jahr steuern, wer dominiert:

Jahreszeit / TemperaturHauptprozessWirkung
Frühphase (20–30 °C)Hefen aktivAlkoholbildung, CO₂
Sommer (25–35 °C)Milchsäurebakterienmilde Säuerung
Herbst/Winter (10–20 °C)verlangsamte AktivitätReifung, Klärung
Warm-kühle WechselMikroben wechselnfeine Balance zwischen Alkohol- und Säurebildung

Ein zu stark sauerstoffreicher oder warmer Abschnitt kann den Essiggeruch verstärken – das ist das „Atmen“ des Substrats.

Chemische Veränderungen im Pilzmaterial

Während der langen Gärung passiert auch im Pilz selbst einiges:

Proteolyse: Eiweißverbindungen werden zu Aminosäuren und Peptiden aufgeschlossen.

Hydrolyse von Zuckerpolymeren: lösliche Kohlenhydrate entstehen.

Decarboxylierung / Reduktion: Ibotensäure kann sich chemisch zu Muscimol umwandeln, wenn pH und Temperatur passen (leicht sauer, mäßig warm).

Oxidation / Esterbildung: Alkohol und Säuren bilden aromatische Ester → fruchtig-säuerlicher Duft.

Das Ergebnis ist chemisch kein „reines“ alkoholisches Produkt, sondern eine fermentierte Matrix aus Zucker, Säuren, Alkoholen und Aminosäuren – in gewisser Weise eine „biochemische Reifung“ des Ausgangsmaterials.

Alchemistische Sichtweise

In alchemistischer Sprache: Der Stoff atmet durch die Jahreszeiten, das Feuer gärt in ihm, das Wasser trägt ihn, und die Luft bringt ihn zum Wandel. Die Gärung ist das Werk des Lebendigen im Stoff, ein Mikrokosmos der Wandlung: Solve → Coagula → Solve → Coagula … Jede Temperaturwelle ist ein neuer Atemzug des Werkes.

Zusammengefasst:

PhaseHauptmikrobenStoffwechselproduktEffekt
0–3 MonateHefenEthanol + CO₂Gärung, Sauerstoffentzug
3–6 MonateMilchsäurebakterienMilchsäureSäuerung, Stabilisierung
6–12 MonateEssigsäurebakterienEssigsäureleichte Oxidation, Reifung
12 + Monateenzymatische NachreaktionenAminosäuren, EsterAroma- und Farbvertiefung

Das Ergebnis ist eine stabile, sauerstoffarme, leicht saure Flüssigkeit mit geringer mikrobischer Aktivität – also ein natürliches Ferment, das im Jahreslauf „reift“. Für mich bisher jene Verarbeitungsmethode, die das rundeste Gesamtbild ergibt und mich vom Ergebnis her am meisten überzeugt. Wie bei einem guten Wein hat jeder Jahrgang seine Besonderheiten, in all den Jahren ist die Fermentierung jedesmal etwas anders abgelaufen. Heuer ging er am Ende mehr in die Milchsäuregärung und schmeckt dadurch etwas mild säuerlicher. Sogar die übriggebliebenen Pilzstückchen (von denen ich natürlich nur ganz wenig gekostet habe) schmecken vorzüglich. Der Fliegenpilz hat sich mir nicht gleich erschlossen, aber mit der Zeit habe ich seine Qualitäten zu lieben gelernt.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es beim Fliegenpilz aufgrund wechselnder Inhaltsstoffe keine standardisierte Dosierung gibt, dass jeder anders auf ihn reagiert und Vorsicht geboten ist. Die Hauptwirkstoffe sind Ibotensäure (neurotoxisch, exzitatorisch, glutamatähnlich) und Muscimol (GABA-Agonist, dämpfend, schlaffördernd). Von daher ist Microdosing 7:5:3:1 (7 Tage Einnahme, 5 Tage Pause, 3 Tage Einnahme, 1 Tag Pause) mein persönlicher rhythmischer Schlüssel (weniger ist mehr!). Ich beginne immer nur mit einem Tropfen und steigere langsam – bis maximal 1 TL. In alchemistischer Sprache:

Der Fliegenpilz ist ein Lehrer des Maßes – doch wer das Maß nicht kennt, erfährt zuerst das Gift, nicht die Erkenntnis.

Abschließend muss ich daher auch den überaus wichtigen Haftungsausschluss platzieren: Ich bin kein Arzt, Heilpraktiker oder sonstiger Therapeut! Diese Informationen sind keine Anleitung oder Motivierung zum Drogenkonsum sondern bilden nur meine persönlichen bisherigen Erfahrungen mit dem Fliegenpilz ab! Der Text wurde von mir nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Dennoch können Irrtümer nicht ausgeschlossen werden. Ich übernehme keine Haftung für Schäden, die durch irgendeine Art der Nutzung der Informationen dieses Beitrags entstehen!

Sind noch Fragen offen? Gibt es Anregungen oder Erfahrungsberichte? Ein offener Austausch zu Heilthemen ist in der Telegram-Gruppe Heilung – freundschaftlicher Austausch möglich. 

t.me/Heilung_freundsch_Austausch


Anhang: Weiterführende Links mit guten Infos:

Heilpilz, Nutzung, Fakten (Jürgen Guthmann)

Anwendungsgebiete, verschiedene Rezepte

Vortrag zum Fliegenpilz + Sirup