Altaverde
Natur und Landschaft, Interview, Sonstige

Zu Besuch bei einem uruguayanischen Imker

Imkern in Uruguay. Läuft das gleich ab, so wie bei uns hier in Österreich? Um mir diese Frage zu beantworten habe ich einen Kollegen im Department Cerro Largo besucht.

Treffen mit Imker in Uruguay
Im Hinterland von Uruguay, in der Umgebung von Cerro Chato, treffe ich mich mit Rodrigo Romero

Wild lebende Honigbienen, überall

Aber schon zuvor habe ich (zumindest für uns österreichische Imker) Ungewöhnliches entdeckt. Nämlich so viele wild lebende Honigbienenvölker wie niemals zuvor, und das in unserer nächsten Umgebung. Es begann damit, dass ich in einem der alten Bienenkästen auf der Weide, die ein Imker dort mal vor Jahren einfach zurückgelassen hatte, ein recht vitales Volk entdeckt habe.

Vor Jahren zurückgelassene Beuten auf einer Weide
Ein vitales Volk in einem alten Ablegerkasten

Das nächste Volk dann am selben Tag in einer Felsspalte in einem Felsen, an dessen Fuße eine Quelle entspringt. Da geht mir persönlich das Herz auf, wenn ich sehe, wie widerstandsfähig und schön so ein wild lebendes Honigbienenvolk von Natur aus ist.

Die Quelle am Fuße des Felsens
Über der Quelle im Felsen ein wild lebendes Honigbienenvolk
Vital und friedlich lebt dieses Volk wild in einer Felsspalte

In den folgenden Tagen nach und nach habe ich noch 5 Völker entdeckt, die alle in einem Umkreis von einem Kilometer in Bäumen leben, und eines ca. 30 km entfernt in Blanquillo, im Tankstutzen des ehemaligen Bahnhofs.

Wild lebendes Bienenvolk im Baum
Ehemaliger Bahnhof in Blanquillo
Bienenvolk in einem Tankstutzen beim ehemaligen Bahnhof in Blanquillo

Hierzulande wird einem immer erzählt (das beginnt schon in der Imkerschule), dass die heutigen Bienen wegen der Varroa Milbe ja ohne Behandlung auf sich alleine gestellt gar nicht mehr überlebensfähig sind. Wir Imker also unentbehrlich wären. Ich weiß zwar nicht von allen wildlebenden Völkern, wie lange jedes von ihnen schon an diesen Orten lebt, aber in Anbetracht dieser beträchtlichen Anzahl halte ich diese Aussage für ein Imkermärchen, oder weniger freundlich ausgedrückt für einen Blödsinn. Dort, wo der Mensch nicht alles kontrolliert, nicht immer seines Vorteils wegen eingreift, kann sich auch die Erkenntnis erschließen, dass die Natur viel weiser ist, als wir denken und einer höheren Bestimmung folgt – es alleine hinbekommt. Vielleicht sollten wir mal über den Tellerrand schauen und etwas selbstkritisch sein, was die maximale Bewirtschaftung der Bienen und das übermäßige Behandeln mit Varroaziden in unseren Breitengraden anbelangt. Die Natur selbst hat in den Weiten des Hinterlands von Uruguay sicher gnadenlos Selektion betrieben, aber so auch auf natürliche Art und Weise eine gewisse Varroa-Resistenz hervor gebracht.

Rodrigo Romero, Imker in der Region Cerro Chato, Uruguay
Im Gespräch mit Rodrigo Romero

Das bestätigt mir auch Rodrigo Romero, ein Imker aus Cerro Chato, der an die 300 Völker bewirtschaftet. Er arbeitet hauptsächlich mit den heimischen Bienen, weil diese laut ihm um einiges widerstandsfähiger sind.

Die “heimische” Bienenrasse von Uruguay

Hier ein kurzer Einschub – eine Zusammenfassung von Chatgpt – über die vorherrschende Bienenrasse in Uruguay. Ich war mir nämlich selbst nach dem Gespräch mit Rodrigo noch immer im Unklaren darüber, welche Bienenrasse nun wirklich die in Uruguay “heimische” sei und habe daher sicherheitshalber nochmals nach recherchiert:

In Uruguay ist die heimische Bienenrasse keine ursprüngliche Wildbienenart, sondern eine eingeführte Honigbienenart – genauer gesagt:


🐝 Apis mellifera scutellata-Hybriden („afrikanisierte Bienen“)

📌 Kurzübersicht

Eigenschaften der afrikanisierten Biene in Uruguay

MerkmalBeschreibung
AnpassungSehr gut an tropisches & subtropisches Klima angepasst
ProduktivitätHoch – gute Honig- und Propolis-Sammlerinnen
Propolisproduktion✅ Überdurchschnittlich – sammeln gerne und viel Harz
Schwarmtrieb⚠️ Sehr hoch – häufige Teilung der Völker
Aggressivität⚠️ Tendenziell deutlich aggressiver als europäische Bienen
VerteidigungsverhaltenReagieren schneller und in größeren Gruppen auf Störungen
FlugaktivitätSehr aktiv, auch bei hohen Temperaturen
Resistenz gegen Krankheiten✅ Besser als bei vielen europäischen Rassen (z. B. Varroa-Toleranz besser)

Was bedeutet das für Imker in Uruguay?

Vorteile:

Nachteile:


🐝💡 Alternative: Europäische Rassen in Uruguay?

Einige Imker in Uruguay versuchen, Carnica oder Buckfast-Bienen zu etablieren, um das Temperament zu zähmen. Das Problem:

Afrikanisierte Gene dominieren bei natürlicher Paarung – Kreuzung führt meist wieder zu aggressiveren Hybriden.

Lösungsmöglichkeiten:


📌 Fazit

Die Bienen in Uruguay sind afrikanisierte Honigbienen-Hybriden, die robust, anpassungsfähig und sehr harzfleißig sind – ideal für Propolisproduktion.
Allerdings sind sie nicht einfach zu handhaben, was bei der Imkerei (v. a. in bewohnten Gegenden) beachtet werden muss.

Bei Rodrigos “wilden” Bienen

Zuerst besuchen wir ein paar Ableger. Zum gewöhnen weil die angeblich weniger aggressiv sind (aber nur weil sie weniger sind 😉

Zu vielen Standplätzen gibt es keine Zufahrten, mit dem Allrad geht es über Weideland und nicht selten müssen Bäche durchquert werden. Wenn das Wetter schlecht ist, hat er gar keine Möglichkeit dorthin zu kommen. Er bevorzugt das Imkern mit den heimischen Bienen. Die sind zwar deutlich aggressiver, bringen aber mehr Honig ein und sind viel widerstandsfähiger meint er. Ein Volk sei mal vier Tage ohne Dach im Regen gestanden und hat überlebt erzählt er mir. Die gezüchteten halten so etwas nicht aus. Und was Varroa betrifft benötigen seine Völker, bei denen er sich ums Schwärmen nicht kümmert (weil die schwärmen sowieso wie verrückt), auch weniger Behandlung. Natürlich frage ich nach, mit was genau er behandelt – darauf zeigt er mir ein argentinisches Produkt, wobei es sich um Oxalsäurestreifen auf Karton handelt. Vier solche Streifen pro Stock, die nach der Ernte 48 Tage drin gelassen werden verwendet er in der Regel (wie ein U über vier Wabengassen gehängt) , aber durchkommen würden sie auch ohne wenn er mal wo nicht hinkommt.

Sehr wichtig bei sehr aggressiven Bienen – ein sehr großer Smoker
Die Bienen haben üppig Honig eingetragen, die Honigräume sind voll
Irgendwie ein Bild, das für mich das Imkern in Uruguay symbolisiert: Etwas wild – aber randvoll mit Honig

Geimkert wird dort übrigens fast ausschließlich nur mit Langstroth Beuten, eine Diskussion über verschiedene Beuten-Formate gibt es dort so gut wie überhaupt nicht. Die Ableger stellt er nur auf eine Art Blechfolie, das reicht seiner Erfahrung nach. Also viel Tam Tam machen die da nicht, denke ich mir, und staune, wie voll seine Beuten sind.

Wenn er mit 30 Völkern zur Blüte in den Eukalyptuswald zieht, erzählt er, stellt er neben seinen Vökern zusätzlich 25 leere Beuten auf, und wenn er wieder abzieht sind in allen 25 Beuten Völker drin. Als Lockstoff verwendet er eine Propolislösung, die er selbst herstellt und in die Beuten sprüht. Interessant finde ich, habe ich hier noch nie gehört.

Der Absatzmarkt in Uruguay ist klein

Das 500g Glas Honig verkauft er um 160 Pesos, was ungefähr 3,50 USD entspricht. Die Einheimischen bevorzugen den helleren Honig, ist der Honig dunkler bekommt er einen schlechteren Preis. Kristallisierten Honig kaufen sie auch nicht, dass das ein Qualitätskriterium ist hat sich in der Umgebung noch nicht so herumgesprochen. Der lokale Handel schlägt auf seinen Preis noch etwas drauf. Mit seiner doch recht „wilden“ Methode hat er pro Volk im Durchschnitt so um die 30 kg Ertrag. 1000 kg davon kann er in seinem Umfeld privat und an regionale Händler verkaufen, den Rest seiner durchschnittlich 9 Tonnen verkauft er zwischen 1,50 und 1,80 USD an Großhändler. Als Nebenerwerbsimker finanziert er sich damit das Equipment, Benzin fürs Auto und bezahlt ein 50 ha Grundstück ab, dass er sich vor einiger Zeit gekauft hat.

Danach besuchen wir noch einen Stand mit 40 Völkern.
Die Bienen sind ziemlich angriffig, entspanntes Arbeiten sieht anders aus
Petra, mit dabei, staunt nicht schlecht über die angriffslustigen Bienen
Obwohl der Honig dieses Volkes erst vor zwei Tagen geerntet wurde, haben die Bienen schon wieder beträchtlich eingetragen
Das Brutbild erinnert mich wegen der Lücken an Varroa resistente Völker, die die befallene Brut teilweise ausräumen.

Jetzt weiß ich erst, was aggressive Bienen sind, die ihren Honig verteidigen

Der größte Unterschied zu uns hier in Österreich liegt im Arbeiten mit den Bienen. Dank jahrzehntelaner Zuchtarbeit sind die Bienen in Österreich durchwegs sehr friedlich. An meinen kann ich im Sommer ohne Schutz imkern (was mir persönlich das Eins sein mit dem Bien ermöglicht). Dadurch, dass Rodrigo, so wie die meisten Imker in Uruguay, keine Zuchtauslese betreibt haben die Bienen ein ganz anderes Verteidigungsverhalten – kurz gesagt, die sind so agro, wie ich das zuvor noch nie erlebt habe. Schon bevor ich zu seinem Stand komme, 50 m vorher, fliegen mich seine Bienen wie wild an, ohne Vollmontur bis hin zu Gummistiefel geht da gar nichts. Sein Smoker ist riesig, das ist in dem Zusammenhang auch wichtig erklärt er mir. Am Stand selbst spürst du da richtig den Druck, wenn unzählige Bienen angreifen und gegen den Schutz prallen. Nach der Arbeit am Stand mussten wir im Auto mit der vollen Montur und geöffneten Fenstern abreisen. Erst nach einigen Kilometern lichtet sich der Bienenschwarm in der Fahrerkabine.

Beim Eukalyptus, der von der Forstwirtschaft dort gepflanzt wird, sind nur gewisse Sorten ertragreich. Die mit den gewellten Blättern nicht erklärt er uns.

Um gewisse Arbeitsgeräte, wie zB. Eine gute Honigschleuder gemeinsam zu nutzen, arbeitet er mit ein paar anderen Imkern aus der Region in einer Cooperative zusammen. Einen eigenen Wachskreislauf hat er nicht. Bei uns kann man sich ja schon so ab 20 kg Wachs seine Mittelwände pressen lassen (bei uns hat auch der Verein eine Mittelwandpresse), dort brauchst du schon mindestens so an die 500 kg damit du wieder dein eigenes Wachs in Form von gepressten Mittelwänden zurück erhältst.

Nebenprodukte spielen eine untergeordnete Rolle

Der Verkauf von Nebenprodukten, vor allem an Endkunden, spielt in Uruguay keine große Rolle. Obwohl es Imker gibt, die sich auf das Ernten von Bienengift spezialisiert haben. Auch für Propolis gibt es Großabnehmer. Dazu muss er vom Großabnehmer ein spezielles Propolisgitter kaufen und dieses danach wieder abliefern (andere werden nicht akzeptiert). Das wird dann gewogen und bezahlt. Ich weiß nicht genau was die bezahlen, er verlangt für 1 kg Propolis auf alle Fälle 30,- USD.

Diese Gitter werden beim Abnehmer gekauft und werden befüllt wieder abgegeben

Mir hat er 1,6 kg Propolis geschenkt, womit ich natürlich eine Freude habe. Das Propolis aus Uruguay unterscheidet sich doch in einigen Punkten von der Charakteristik her von dem unsrigen hier, was schon alleine daran liegt, dass es dort von ganz anderen Pflanzen gesammelt wird. Von daher alleine schon interessant sich das im Vergleich anzuschauen.

Uruguay-Propolis ist durch seine subtropische Flora (v. a. Baccharis, Myrten, Eukalyptus) reicher an speziellen Phenolen und Diterpenen, hat teilweise grünliche Farbtöne und zeigt laut einigen Studien starke antientzündliche und antitumorale Effekte.

Österreichisches Propolis ist klassischer “Poplar-Type-Propolis”, besonders reich an CAPE, Flavonoiden, Phenolsäuren, sehr gut dokumentiert und bewährt für Wundheilung, Schleimhautentzündungen und Immunsystemmodulation.

Uruguays Hinterland bietet gute Voraussetzungen für rückstandsfreies Propolis (vor allem was Anthrachinon durch industriell hergestellte Zuckerlösungen, PCP und Glyphosat anbelangt).

Zucht ist aus den schon vorher genannten Gründen schwierig, da besteht sicher noch viel Luft nach oben. Die vielen wild lebenden Honigbienenvölker und die Arbeitsweise der Imker in Uruguay machen es dem Züchter nicht leichter. Wirtschaftsköniginnen werden in seiner Gegend um die 15,- USD gehandelt. Rodrigo weiß um die Vor- und Nachteile, aber er weiß auch, dass eine eingebrachte Genetik immer wieder schnell verlorengeht, weil die große weite, ungeschliffene Natur Uruguays sich schnell wieder durchsetzt. So gesehen hat eben alles zwei Seiten. Auch das Arbeiten mit einer ursprünglicheren Arbeitsweise hat seinen Reiz. Für mich war es auf alle Fälle interessant meinen Horizont zu erweitern und Einblick in eine völlig andere (rudimentärere) Welt der Imkerei zu erlangen.

Was bleibt sind viele neue Eindrücke und eine neue Liebe zu den wild lebenden Honigbienen. Mein Dank gilt Rodrigo Romero, der mir mit seiner herzlichen Art viele Fragen beantwortet und zu seinen Bienenständen mitgenommen hat. So Gott will, war das sicher nicht unser letztes Treffen und ich freue mich schon sehr auf ein Wiedersehen mit ihm und seinen Bienen.

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